Selbstversorger – Fluch und Segen

Es ist schon eine tolle Sache, wenn man sein Pferd in Vollpension stehen hat und sich groß um nichts kümmern muss. Egal ob es darum geht qualitativ hochwertiges Heu zu organisieren, Stall und Weide sauber zu machen oder aber alles in Ordnung zu halten (Stromzaun etc.).
Seit ich ein Pferd habe kenne ich es nicht anders als selbst verantwortlich für all das zu sein. Ich gebe zu, manchmal habe ich auch meine Tage wo ich seufze. Ich habe das Glück, dass ich mich mit meiner Mutter gut absprechen kann. Während morgens sie verantwortlich ist, bin ich es abends.
Wenn man es auch ganz eng betrachtet, so hat man eigentlich täglich mehr Arbeit mit den Pferden, als ich irgendwie etwas mit ihnen machen könnte. Vor allem im Winter sehe ich Blue unter der Woche fast ausschließlich im dunklen und kann groß nichts mit ihm machen.
Es gibt viele Dinge wo man sich manchmal ärgert oder alles einfach hinschmeißen will. Weil mal wieder der Zaun frei geschnitten werden muss, der eigentlich zuverlässige Heulieferant plötzlich kein Heu mehr hat, die Pferde mal wieder irgendwo ein Brett zerstört haben oder irgendetwas anderes kaputt geht/nicht funktioniert.

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Zum Beispiel letztes Jahr, wo es bei uns heftig und oft geregnet hat. Teilweise stand alles unter Wasser. Von meinem Pferd hatte ich daher kaum was.
Da fragt man sich dann manchmal schon, warum man sich das eigentlich antut?
Doch dann erinnere ich mich an die vielen positiven Dinge. Wenn man für all das selbst verantwortlich ist und sich um alles selbst kümmert, so wird man immer eine andere Beziehung zu seinem Pferd haben. Ich denke auch man wird sein Pferd nie so gut kennenlernen, wie man es als Selbstversorger tut. Täglich bin ich bei den Pferden und selbst beim füttern und sauber machen bekomme ich eine Menge mit. Gleichzeitig haben die Pferde die Möglichkeit sich mitzuteilen. Es kommt nicht selten vor, dass Blue z.B. sein Heu liegen lässt und zu mir auf die Weide kommt während ich am sauber machen bin. Dadurch kann man absolut spontan sein und auf die Bedürfnisse seines Pferdes eingehen.
Wenn mit einem Pferd etwas nicht stimmt, merkt man es i.d.R. sofort. Auch das Futter kann individuell auf die Bedürfnisse des Pferdes angepasst werden. So bekommt Bärli, die 25 Jahre alt ist, andere Portionen.
Ich weiß, dass nicht jeder dafür gemacht ist und das ist auch völlig ok. Selbstversorger zu sein bedeutet eben viel Zeit und Arbeit. Dennoch sind wir letztendlich selbst verantwortlich und wenn einem etwas nicht passt, dann braucht man sich mit keinem Stallbetreiber etc. herum ärgern, sondern kann es einfach ändern. Auf der anderen Seite sieht mein Pferd mich nicht nur wenn ich etwas von ihm will (reiten) sondern jeden Tag. Eine spontane Krauleinheit oder etwas Fellpflege kann man daher immer ungeplant dazwischen schieben.
Mir persönlich macht es nichts aus im Winter auf einige Dinge zu verzichten. Natürlich passt es bei uns auch gut, da meine Mutter und ich uns abwechseln. So kann der eine immer mal für den anderen einspringen, wenn irgendetwas ist.
Außerdem macht es Spaß, wenn man die Bedingungen immer ein Stückchen mehr verbessern kann. Man muss nicht erst um Erlaubnis fragen, sondern kann Dinge einfach verändern. Auch die Qualität vom Heu lässt in so manch einem Stall zu wünschen übrig. Dieses Problem hat man als Selbstversorger nicht, denn es wird das Heu gefüttert, welches man selbst macht bzw. kauft. Wenn das Pferd ein Medikament braucht, dann wird dieses einfach gegeben.
Als Selbstversorger erfährt man sehr viel über sein Pferd und man hat einfach einen anderen Bezug dazu. Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt, denn man muss ehrlich sagen, dass es eine Menge Arbeit ist. Die Pferde haben Hunger – immer! Egal ob es stürmt, in Strömen regnet, richtig kalt ist oder man krank ist. Wenn im Winter das Wasser zufriert, dann hat man im Offenstall schon mal sein tägliches Fitnessprogramm beim Wasserkanister schleppen.
Es ist immer was zu tun, ab und zu muss was ausgetauscht werden oder man findet sonst irgendwas. Denn irgendwie ist man als Selbstversorger nie „fertig“.
Seien es Sachen wie Einstreu, Fütterung oder die Haltungsbedingungen. Man verändert irgendwie regelmäßig etwas oder probiert neues aus.
In unserem Fall ist es nicht möglich Dinge wie Sattel und Trense auf der Weide zu lagern. Zum einen, weil es zu feucht dort wäre und zum anderen auch wegen Diebstahl. Leider haben wir durchaus schon einiges geklaut bekommen (Mistgabel, Stromgerät, Halfter etc.).
Dadurch muss man eben schon planen, wenn man wirklich reiten möchte. Das ist auch der Grund, weswegen sich das bei Blue und mir in die Richtung Freiarbeit und Reiten ohne Sattel entwickelt hat. Wollte man nun doch mal spontan eine Runde drehen, so war außer einem Halfter und Stricken auf der Weide nichts anderes vorhanden.

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Aber irgendwie überwiegt das Positive und ich denke man wird immer eine andere Beziehung zu dem Tier haben, wenn man es täglich selbst versorgt. Im Prinzip brauche ich nicht ins Fitnessstuido, denn auf der Weide ist das inklusive und wenn man nur täglich abäppelt (unsere Weiden sind sehr hügelig).
Jedoch darf man nicht vergessen, dass es sehr viel Arbeit ist. Viele Menschen können bzw. wollen diese nicht leisten, was absolut in Ordnung ist. Denn anfangs klingt „Selbstversorger“ ja doch sehr positiv und toll. Während man in einem Stall jemanden hat der sich zur Not um Sachen kümmert, ist man hier rund um die Uhr selbst verantwortlich. Das ist auf der einen Seite natürlich positiv, hat aber auch seine Schattenseiten.
Ich persönlich bin trotzdem sehr froh darüber und irgendwie muss man auch dafür gemacht sein. Denn ein schlecht geführter Offenstall ist genauso schlimm wie ein schlecht geführter Pensionstall. Natürlich ist es in unserem Fall so, dass wir sehr wenig zur Verfügung haben. Kein Licht bzw. allgemein kein Strom und auch kein fließendes Wasser, aber man arrangiert sich damit. Da ich es überhaupt nicht anders gewohnt bin, fehlt mir eigentlich auch nichts. Klar wäre es schön diese Dinge zu haben, aber manchmal kann man sich das eben nicht aussuchen.
Sofern man vor hat sich den Traum vom „Selbstversorger“ zu erfüllen, sollte man sich daher im Klaren darüber sein, was da alles auf einen zu kommt. Denn einige sind schon daran gescheitert, als sie gemerkt haben was das eigentlich bedeutet. Natürlich kommt man immer mal wieder an den Punkt wo man innerlich Flucht, keine Lust hat oder alles hinwerfen will. Das ist meiner Meinung nach völlig normal und kommt vor, wenn mal wieder viele Sachen zusammen kommen. Aber es sollte eben kein täglicher Begleiter werden. Wenn man Selbstversorger ist, sollte man da wirklich mit dem Herzen dabei sein. Sicherlich gibt es auch Menschen die sich weniger Gedanken machen, uns ist es aber wichtig den Pferden ein gutes Leben zu ermöglichen. Wenn einem natürlich vieles egal ist, dann hat man auch weniger Arbeit – wobei das denke ich die falsche Einstellung ist.
Trotzdem ist es ein wenig Fluch und Segen zugleich. Ist das Glas halb leer oder halb voll? Letztendlich entscheidet jeder selbst, ob das Positive oder Negative überwiegt. Bei uns überwiegt definitiv das positive!

Hier erfährst Du mehr darüber, wie unsere Pferde leben: Wie leben unsere Pferde?


3 Gedanken zu “Selbstversorger – Fluch und Segen

  1. Liebe Aline, ich finde deine Einstellung toll 😊 Hut ab! Ich bin auch nicht für den typischen Pensionsstall gemacht. Aber wie ist das im Winter hast du dann eine Stirnlampe mit? Wir haben schon Licht am Stall und beheizbare Tränken. Auch einen Reitplatz und darüber bin ich schon froh. Ich finde es aber immer spannend wie man sich eben mit Gegebenheiten arrangiert. 😉 Lg

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  2. Ich finde, dass viele es auf die leichte Schulter nehmen und dann leiden die Pferde darunter. Das gilt allerdings noch mehr für private Pferdepensionen wie momentan wie Pilze aus dem Boden schießen. lg Maybephotographie.wordpress.com

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    1. Das stimmt. Ein schlecht geführter Offenstall ist nicht unbedingt besser als z.B. eine reine Boxenhaltung. Viele unterschätzen die Arbeit die dahinter steckt und das geht dann leider, wie Du schon sagtest, auf Kosten des Pferdes.

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