Mit dem Pferd erwachsen werden

Erwachsen werden
2007 vs. 2019

Im Juni 2002 wurde Blue geboren, das bedeutet er ist 17 Jahre alt. Ich war zu dem Zeitpunkt 11 und seitdem hat sich viel verändert. Blue begleitet mich über die Hälfte meines Lebens. In vielen Phasen war er an meiner Seite: über die Schulzeit, den Schulabschluss, Ausbildung, Arbeitsleben bis zum selbstständigen Leben. Er hat mich also beim erwachsen werden begleitet. Trotz allem war Blue immer da und ich muss sagen, meine größte Angst war immer, dass ich als „Erwachsener“ irgendwann das Interesse an Pferden bzw. Blue verliere. So was hört man ja immer mal wieder, dass sich die Interessen mit zunehmenden Alter verändern und der ein oder andere aufgehört hat mit dem Reiten. Wie bekannt ist, habe ich weder Blue verkauft noch aufgehört zu reiten. Verändert hat sich trotzdem viel.

Nun kenne ich Blue seit seiner Geburt, wir waren beide jung und haben gemeinsam viel gelernt. Als die Ausbildung von Blue begann, war ich 14 Jahre alt. Noch immer sehr jung, aber rückblickend kann man denke ich sagen, dass die Mischung „junges Pferd, junge Reiterin“ bei uns gut geklappt hat. Das aber auch nur, weil wir fähige Menschen um uns rum hatten, die uns unterstützt haben. Ich würde das jederzeit wieder so machen. Da meine Eltern mir schon sehr früh ein eigenes Pferd ermöglicht haben, habe ich gelernt Verantwortung zu übernehmen. Finanziell konnte ich damals natürlich weder Blue unterhalten, noch groß Reitstunden etc. bezahlen. Aber ich bin z.B. Zeitungen austragen gegangen um zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen zu können. Gemeinsam mit meinen Eltern habe ich gelernt Entscheidungen zu treffen und durch meine Mutter bekam ich viel mit was Pferde betrifft. Ich habe bei Arbeiten auf der Weide geholfen und war auch damals fast täglich da. Die einzige Bedingung meiner Eltern war, dass ich mich um das Tier kümmere, es gab aber keine direkten Vorgaben. War auch eigentlich nicht nötig, da ich selbst den Anspruch hatte mich gut um Blue zu kümmern.
In meinem Leben war immer Platz für Blue. Die Zeit habe ich mir genommen, auch wenn es Phasen gab, wo es schwieriger war (Prüfungen, Lehrgänge etc.). Ich habe mich damals u.a. wegen ihm gegen das studieren entschieden, weil ich gerne unabhängig sein wollte. Diese Entscheidung habe ich nie bereut, im Leben hat ja alles irgendwo seinen Sinn.
Auch als ich älter wurde war Blue immer ein Teil meines Lebens. Feiern, Freunde, Freund, Liebeskummer usw. es gab nichts weswegen ich ihn vernachlässigte.
Die meiste Zeit hatte ich bis zu meinem 18. Lebensjahr. Während der Schule hatte ich viel Freizeit. Meine Noten waren gut und es gab nie ein Grund zur Sorge. Als Blue den Kniebruch hatte und wir sehr spontan einen Termin in der Klinik bekamen, durfte ich sogar früher aus der Schule weg. Damals hatte noch nicht jeder ein Handy und meine Mutter rief im Sekretariat an. Hauptsächlich weil niemand zu Hause sein würde wenn ich von der Schule kam. Aber ich wollte natürlich mit und weil der Weg zur Klinik durch den Ort meiner Schule führte holten sie mich ab. Es ging dabei um die letzten 2 Stunden und aufgrund meiner Noten war die Schulleitung einverstanden, dass ich ausnahmsweise früher gehe. Meine Mutter schrieb mir natürlich eine Entschuldigung für die Fehlzeit. Schon verrückt, wenn ich da drüber so nachdenke.
Vielleicht sollte ich erwähnen, dass das mit den Ganztagsschulen damals noch nicht so verbreitet war. Ich war somit mittags immer zu Hause und nach den Hausaufgaben ging es natürlich zu Blue. Vor allem die Zeit in den Ferien (man hat ja nie mehr so viel frei wie als Schüler) habe ich immer genutzt um bei Blue zu sein.
In der Ausbildung wurde es dann zeitlich zum Teil schon etwas schwieriger und spätestens wenn man sein eigenes Leben hat fragt man sich plötzlich warum der Tag nur 24 Stunden hat.

Mittlerweile bin ich von der 30 nicht mehr so weit entfernt und mein Leben hat sich komplett gewandelt. Seit ich meine Ausbildung beendet habe, habe ich einen festen Arbeitsplatz, bin von zu Hause ausgezogen und kümmere mich um alles selbst. Man glaubt in jungen Jahren gar nicht was Eltern einem alles abnehmen. Allein so ein Haushalt (Einkaufen, Putzen, Essen machen) raubt einem echt viel Zeit. Arbeit, Familie, Freunde, Partner, Haushalt und dann noch ein Pferd. Da ist es von Vorteil, wenn man ein gutes Zeitmanagement hat und organisiert ist. Das Zeitfenster ist im Vergleich zur Schulzeit extrem geschrumpft. Früher war ich sehr oft 5 Stunden am Tag bei Blue, mit einem Vollzeitjob und Privatleben geht das meistens nur noch am Wochenende.
Man muss sich ja auch um den lästigen Papierkram kümmern (Versicherungen, Altersvorsorge, Steuererklärung usw.). Und Urlaub nimmt man meistens wegen irgendwelcher Termine oder um zu Hause (alternativ auf der Weide) was zu machen. Wenn man Glück hat bleibt noch ein wenig Erholungsurlaub übrig.
Dazwischen noch sämtliche Termine (u.a. Arzttermine) und mit zunehmendem Alter merkt man doch, dass es nicht spurlos an einem vorbei zieht. Auch wenn ich behaupten würde gesund zu leben, so haben gesundheitliche Probleme mit der Zeit zugenommen. Alles noch im Rahmen, aber bis Mitte 20 war ich meistens nur zu Routineuntersuchungen da, irgendwann fangen dann aber die ersten Probleme an und man muss Termine bei Fachärzten direkt mal monatelang im Voraus planen.

Während man erwachsen wird, stellt man fest: Menschen kommen und gehen. Je älter Du wirst, umso mehr wird sich Dein Umfeld verändern. Vor allem nach der Schule verändert sich einiges und ich habe gelernt, dass es überhaupt nicht schlimm ist wenn sich Wege trennen. Es gehört zum Leben dazu. Einige begleiten Dich lange, andere gehen und wiederum neue kommen dazu. Außerdem gibt es irgendwann so einen Schnitt in Deinem Leben. Ab da liegt Leben und Tod nah beieinander. Manche Menschen aus Deinem Umfeld/Deiner Familie sterben, andere heiraten und wiederum andere bekommen Kinder. Der Tod gehört irgendwann genauso dazu wie die Geburt. Dazwischen ist man selbst und weiß im Idealfall welchen Plan man für das eigene Leben hat. Klar, das Leben hält immer einige Überraschungen parat, aber glücklicherweise kann man einiges doch beeinflussen.
Viele Leute sagen zu jüngeren immer: Genieß die Schulzeit und die Freizeit die Du dadurch hast. Und trotzdem weiß man es erst so richtig zu schätzen je älter man wird. Und glaub mir, da ist noch viel mehr was Dir niemand erzählt.
Hört sich jetzt dramatisch an, aber es ist halb so wild. Man arrangiert sich mit so ziemlich jeder neuen Situation und findet Lösungen.
Zeit ist auch heute noch für Blue da, es ist zwar manchmal schwierig, aber ich plane ihn fest ein. Meine Tage sind zum Teil von morgens bis abends durchorganisiert, anders würde das nicht gehen. Natürlich braucht man einen Partner der Verständnis dafür hat. Aber das ist alles möglich, wenn man es will. Jedoch kann ich bestätigen, dass sich die Interessen mit dem Alter verändern. Da Blue für mich ein ganz besonderes Pferd ist, wird er bei mir bleiben bis zum Schluss. Ich hoffe, dass Blue mindestens so alt wird wie Bärli. Die ist wird 28 Jahre alt und hängt hoffentlich noch einige Jahre dran. Der Vater von Blue wurde sogar 34. Angenommen Blue würde so alt werden, dann wäre ich 45. Aktuell kommt ein Nachwuchspferd für mich überhaupt nicht in Frage. Auch ein neues Pferd nach Blue ist im Moment undenkbar und kann ich mir gar nicht vorstellen. Sicherlich kann das in ein paar Jahren wieder anders aussehen. Denn das Leben verändert sich immer. Ich kenne einige die sich erst mal kein neues Pferd mehr geholt haben, weil z.B. mit einem Kind oder durch andere Veränderungen es erst mal nicht gepasst hat. Heute kann ich das deutlich besser verstehen als noch vor 10 Jahren.
Wer weiß denn im Leben schon was noch kommt?
Leider gibt es auch Phasen wo man weniger Zeit für Dinge hat, die einem wichtig sind. Ja, Zeit hat man nicht, die nimmt man sich. Trotzdem gibt es Situationen wo es schwierig ist. Vor allem wenn sich mehrere Dinge ändern schwimmt man erst mal etwas. Teilweise hätte ich gerne mehr Zeit für Treffen mit Menschen die mir wichtig sind. Das klappt nicht immer so wie ich es mir wünsche, denn auch andere haben ein Leben und so ist es manchmal gar nicht so leicht einen Termin zu finden wo jeder kann.
Während man versucht alles unter einen Hut zu bekommen, sollte man aber auch nie sich selbst vergessen. Wenn ich mir Zeit für mich nehme, dann kommt da i.d.R. auch Blue drin vor. Denn er tut mir gut und lässt mich auch mal wieder runter fahren. Egal was ist oder wie stressig die Situation manchmal ist, bei Blue komme ich immer wieder runter und kann abschalten. Bei den ganzen Verpflichtungen die man im Alltag so hat, finde ich das wahnsinnig wichtig.

Erwachsen werden mit dem Pferd bedeutet viele Veränderungen zu erleben. Mein Leben ist mittlerweile so viel anders als zu Beginn unseres Weges. Das ist aber vollkommen normal, es heißt nicht umsonst: „Stillstand ist der Tod“.
Ich versuche regelmäßig an die Menschen zu denken die mir wichtig sind. Auch wenn man nicht täglich voneinander hört, so melde ich mich regelmäßig. Denken tu ich oft an die Menschen, manchmal gelingt es mir mit dem melden/treffen tatsächlich nicht so gut. Aber ich weiß, dass es vielen so geht.
Früher war Blue der absolute Mittelpunkt in meinem Leben. Heute hat er immer noch einen hohen Stellenwert, aber eben nicht alleine. Nach wie vor würde ich alles für ihn tun und wenn es ihm nicht gut geht lasse ich selbstverständlich alles stehen und liegen. Aber auch Blue musste gelegentlich schon etwas zurückstecken. Mit zunehmendem Alter muss man eben öfter Kompromisse eingehen.
Ich gehöre zu den Menschen die sich sehr schwer mit Veränderungen tun. Manchmal ist eine Veränderung bewusst herbeigeführt und trotzdem brauche ich einige Zeit um mich damit zu arrangieren. Der Mensch ist halt auch ein Gewohnheitstier. Aber man gewöhnt sich an jede Veränderung. Egal wie schwierig manches auf den ersten Blick wirkt, es ist im Nachhinein oftmals halb so schlimm.
Auch wenn das erwachsen werden mit Pferd rückblickend gesehen nicht immer einfach war, so bin ich wahnsinnig dankbar es mit Blue zusammen erlebt zu haben. Dadurch, dass er immer da war hat er mir vieles angenehmer gemacht. Streng genommen war er in all den Jahren ein Punkt der sich nie verändert hat. Etwas Gewohntes wo ich drauf zurückgreifen konnte, wenn sich alles andere verändert hat. Es war schön und er hat mich auch sehr auf meinem Weg geprägt – positiv. Ohne ihn hätte ich sicherlich nicht so viel über mich selbst gelernt.


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