Blues Kolik-OP – Der Tag X

Symbolbild

Am 19.12.2020 fand meine Mutter Blue morgens liegend auf der Weide. Er war komplett lehmverschmiert und wälzte sich immer wieder. Nachdem meine Mutter mich anrief, fuhr ich direkt los zur Weide und versuchte unterwegs noch die Tierärztin zu erreichen. Ich erreichte sie zwar nicht, aber wenige Minuten später rief sie zurück. Auch sie machte sich direkt auf den Weg.
Als ich auf der Weide ankam fand ich mein Pferd in einem Zustand vor, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Nicht nur, weil er wirklich überall mit Lehm überzogen war, sondern auch sein Verhalten. Er zitterte, wälzte sich immer wieder und wenn er mal aufstand, warf er sich während dem Gehen wieder auf den Boden. Nachdem unsere Tierärztin ankam untersuchte sie ihn und spritzte ihm erst mal was. Bei der rektalen Untersuchung gab es auch eine Auffälligkeit im Bereich des Dickdarms. Trotz Medikamente warf er sich immer wieder auf den Boden, daher war schnell klar, dass wir ihn in die Klinik bringen.
Eigentlich wollten wir an diesem Tag Melody in der Tierklinik abholen, wegen einer Szintigraphie durfte die erst am Samstag nach Hause und rückblickend war das unser Glück. Unsere Tierärztin fragte ob sie uns in der Klinik anmelden soll und ich nickte. Ich bin ihr wahnsinnig froh, dass sie das übernommen hat. Denn die Klinik wollte uns zuerst nicht aufnehmen. Sie waren eigentlich voll. Aber weil Melody zur Abholung dort stand, konnte unsere Tierärztin es trotzdem organisieren, dass wir dorthin konnten. Alle anderen Kliniken wären deutlich weiter entfernt gewesen und man weiß ja, dass bei einer Kolik die Zeit eher gegen einen läuft.
Wir hatten auch unseren Pferdeanhänger in der Tierklinik bei Melody stehen lassen und standen somit ohne da. Ich habe dann zuerst eine Freundin angerufen die zu dem Zeitpunkt aber selbst mit dem Pferdeanhänger unterwegs war und das leider in einer ganz anderen Richtung. Eine Bekannte aus dem Ort hatte ich zuerst versucht zu erreichen, leider erfolglos. Deswegen habe ich mehrmals angerufen und sie beim dritten Mal zum Glück erreicht. Ich erklärte ihr kurz die Problematik und fragte ob wir ihren Pferdeanhänger haben können. Das war zum Glück kein Problem und sie würde ihn sogar vorbei bringen. In der Zeit bereitete unsere Tierärztin Blue mit Medikamenten auf den Transport vor. Auch auf dem Weg zum Hänger warf Blue sich wieder auf den Boden und ich war echt am Ende.
Als der Anhänger dann kam wollten wir diesen eigentlich an unser Auto hängen. Aber ihr Mann winkte nur ab – er würde uns fahren. Im Endeffekt bin ich da noch immer wahnsinnig froh drüber. Es ist das Beste was uns passieren konnte, immerhin waren wir alle ja eh schon nervlich ziemlich durch. Bärli haben wir natürlich mitgenommen, denn sie sollte nicht alleine auf der Weide bleiben. Damals konnte keiner auch nur ahnen, dass es das letzte Mal sein sollte wo Blue und Bärli sich sehen.

Blue lief super brav auf den Anhänger und kaum stand er drin, wollte er sich auch da wieder hinlegen. Aber unsere Tierärztin war auch hier wieder blitzschnell, verabreichte ihm noch eine Dosis für die Fahrt und dann ging es auch schon los.
In der Klinik wartete man schon auf uns und so ging es direkt zum Untersuchungsraum. Bärli führte man zu Melody, die sich riesig gefreut hat.
Mir tat der Tierarzt wahnsinnig leid und ich glaube er hat selten ein so dreckiges Pferd zur Untersuchung bekommen. Das war leider auch ein Problem, da man durch die Lehmschicht mit dem Ultraschall nicht durch kam. Also mussten sie ihn zuerst abwaschen. Nachdem er seine Untersuchung abgeschlossen hatte bestätigte er das, was unsere Tierärztin schon gesagt hat und fragte auch direkt ob er operiert werden darf. Ich hab mir da nie Gedanken drüber gemacht, sagte aber sofort „Natürlich“. Daraufhin kümmerte ich mich zuerst um den Papierkram, gab den Equidenpass ab und unterschrieb die Unterlagen. Selbst meine eigene Unterschrift konnte ich kaum auf das Papier setzen. Danach besprach man mit mir noch das weitere Vorgehen, über die Risiken einer OP und die Zeit danach. Ich bin ehrlich, der Tierarzt hat sich echt Mühe gegeben, aber ich war nicht Aufnahmefähig und kann mich nur an wenige Dinge erinnern die er mir gesagt hat.  
Zuerst wolle man versuchen die Kolik ohne eine OP in den Griff zu bekommen, allerdings würde man bei so einem Patienten wie Blue nicht lange warten. Wenn er wieder anfängt sich hinzulegen würde man mir raten direkt zu operieren. Ich stimmte zu. Im Falle einer Verschlechterung ruft man mich an, sollte ich nicht erreichbar sein würde der Tierarzt die OP trotzdem einleiten. Das war für mich ok. Mir war alles recht, was das Leben von Blue retten würde. Gleichzeitig sagte ich aber auch, dass ich ihn nicht quälen möchte und sofern man eine OP als nicht tragbar ansehen würde, sollte man mir das sagen.  Mir wurde jedoch auch seitens des Tierarztes zu einer OP geraten und das es völlig ok wäre ihn zu operieren.
Tja und dann sollte ich mich verabschieden und gehen. Was sagt man seinem Pferd, wenn man nicht weiß ob man es zum letzten Mal lebend sieht? Wie verabschiedet man sich? Ich streichelte noch mal seinen Kopf, gab ihm einen Kuss auf die Nüstern und sagte er soll lieb sein. Zu dem Zeitpunkt wollte ich mich nicht für immer verabschieden. Tief in meinem inneren war mir aber klar, dass wir um die OP nicht herum kommen. Denn ich habe mein Pferd noch nie so erlebt und natürlich ist mir nicht entgangen, dass selbst die stärksten Medikamente die Schmerzen nicht nehmen konnten.
Wir verluden die beiden Stuten und machten uns auf den Weg nach Hause. Es dauerte nicht lange da kam der Anruf. Der Tierarzt teilte mir mit, dass er wieder anfängt und sie ihn operieren müssen. Ich stimmte zu. Er erklärte mir noch kurz, dass alles ca. 3 Stunden dauert und man mich anruft wenn das Pferd wieder steht. Wir haben zwar noch nie ein Pferd operieren lassen müssen, aber diese Vorgehensweise war mir bekannt. Man hört ja immer wieder von Unfällen beim Aufstehen. Sofern es vorher Komplikationen geben würde, bekomme ich ebenfalls einen Anruf. Nach 29Sekunden war das Gespräch beendet und ich kann mich bis heute nicht erinnern wie ich die Zeit rum bekommen habe. Ich habe mehrere Stunden nur geheult und dachte eigentlich, dass man doch irgendwann leer sein muss (am nächsten Tag hatte ich vom Weinen sogar Muskelkater). Keine Ahnung wie ich in manchen Momenten überhaupt in der Lage war Entscheidungen für Blue zu treffen und zumindest halbwegs kontrolliert dem folgen konnte was man mir sagte. Ich kann aber sagen, dass man in solche Situationen einfach funktioniert und es trotzdem hinbekommt. Unfähig war ich erst als alle wichtigen Entscheidungen getroffen waren und man mich quasi nicht mehr gebraucht hat.

Nach einer gewissen Zeit bat ich meine Mutter mich nach Hause zu fahren. Autofahren wäre in meinem Zustand nämlich keine gute Idee gewesen. Und so wartete ich mit gemischten Gefühlen auf den Anruf. Wir konnten ja nicht sagen wie lang Blue schon auf der Weide mit Schmerzen lag und so weiß man nie was die Ärzte vorfinden, wenn sie das Pferd öffnen. Die 3 Stunden waren schon lange rum und es rief niemand an… auch 4 Stunden vergingen.. und dann nach über 4 Stunden endlich ein Anruf.
Blue steht, die OP ist gelaufen und es war ein Stück Dünndarm abgeschnürt. Es musste jedoch kein Darm entnommen werden. Da er über eine Stunde in der Aufwachbox lag kam der Anruf erst so spät. In dem Moment musste ich kurz schmunzeln, denn es passt zu ihm.
Allerdings ahnte ich auch da noch nicht, dass ein guter Verlauf einer OP zwar die erste Hürde ist, aber noch viel mehr auf uns zukommen sollte.

Fortsetzung: Blues Kolik-OP – Ursache & Komplikationen


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