freies Reiten – Wendy-/Ostwindreiter

freies Reiten (3)

Ein Thema, welches die Gemüter erhitzt. Wobei das eigentlich eine „Neuerscheinung“ ist, denn vor einigen Jahren wurde darüber nicht so diskutiert.
Das wird ein Text, womit ich mir möglicherweise nicht nur Freunde machen. Aber das ist absolut ok, trotzdem sollte man diesen Beitrag bis zum Ende lesen.
Vielleicht ein kurzer Rückblick: Blue wurde 2002 geboren, seit seiner Geburt ist er mein Pferd und ich habe ihn selbst ausgebildet. Ich weiß auf welche Kommandos er reagiert – immerhin habe ich sie ihm selbst beigebracht. Über 15 Jahre habe ich dieses Pferd an meiner Seite. Genauso wie ich ihn kenne und einschätzen kann, kann er das auch. Wenn man so will kenne ich jeden Muskel von ihm, weiß welche sich anspannen wenn er vor hat „Blödsinn“ zu machen. Ich kenne alle seine Tagesverfassungen, wann er aufmerksam ist, wann er lustlos ist, weiß wann er motiviert ist oder auch einfach keinen Bock hat.
Blue ist es schon immer gewohnt ohne Sattel geritten zu werden und ich habe ohne Sattel einen sicheren und ausbalancierten Sitz. Dass ich mit Halfter ins Gelände kann ist für uns „selbstverständlich“, denn Blue reagiert darauf genauso zuverlässig wie z.B. mit Trense. Relativ früh begann ich Blue auch ohne alles/mit Halsring zu reiten. Da war er vielleicht 5 als wir das immer mehr ausgebaut haben. Ich bin jahrelang immer nur auf umzäunten Plätzen ohne alles geritten. Wir haben Hilfen verfeinert und an uns gearbeitet. Hinter dem was man heute sieht, steckt jahrelange Zusammenarbeit. Das hat nichts mit Modeerscheinung zu tun, wir machen so was schon länger. „Früher“ hat man so was gemacht, Bilder gemacht und keiner hat was gesagt. Denn es wurde denen überlassen die es „konnten“ und keiner kam auf die Idee „mache ich mal nach, weil es cool ist.“
Oft habe ich das Gefühl die Leute wollen keine Verantwortung übernehmen und benutzen ihren Kopf nicht zum Denken. Denn es ist ja auch einfacher die Verantwortung jemand anderem zuzuschieben. Meine Eltern haben mich dazu erzogen selbstständig zu Denken. Manche kennen den Spruch vielleicht „Wenn xy von der Brücke springt, springst Du also gleich hinterher?“
A
n dem Spruch ist etwas wahres dran. Und im Grunde ist es bei der Arbeit mit dem Pferd genauso. Ich bin froh, dass meine Eltern mich so erzogen haben, dass ich mein Gehirn benutze und mir Gedanken über mögliche Folgen mache. Argumente wie „aber der und der macht das auch“ standen nie zur Diskussion und irgendwie kam ich auch nicht auf die Idee so Dinge in Frage zu stellen oder einfach nachzumachen. Die Leute nutzen ihren Kopf immer weniger, wird ihnen ja abgenommen – was finde ich ein allgemeines Problem ist. Immerhin „denkt“ die Technik immer mehr für einen mit. Die Menschen erwarten daher, dass man es ihnen abnimmt.
Ich bin schon viele Jahre im Internet aktiv und man merkt da einen Wandel, immer mehr wird kritisiert. Früher habe ich meine Bilder/Videos gezeigt und alles war gut, heute wird man zerrissen und mit allen anderen „gleichgestellt“. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die eine rosarote Brille anhaben. Ich muss auch niemandem was beweisen. Mit Blue arbeite ich schon jahrelang so, da haben andere noch nicht mal ein Pferd gehabt. Leichtsinnig und gefährlich ist es, wenn Leute meinen, dass das „cool“ ist und es ohne Sinn und Verstand einfach nachmachen. Und irgendwie auch ein bisschen „naiv“ wenn man nicht über die Folgen nachdenkt oder allgemein über das was man da tut.
Ich gehöre zu den Menschen die nachdenken und ich zerbreche mir über wirklich alles den Kopf was ich tue. Bin jemand, der versucht das Risiko soweit wie möglich zu minimieren. Aber eine 100%ige Sicherheit hat man nie, hat man aber im Leben allgemein nie (auch nicht mit Sattel und Trense).

freies Reiten (2)
Hinter den Bildern stecken jahrelange Übung, Zusammenarbeit und lernen. Das sieht man auf den Bildern nicht und ich mache so etwas auch nicht, wenn ich mich unsicher fühle. Man bekommt ein Gespür dafür, was man mit seinem Pferd an gewissen Tagen machen kann. Bevor ich mich ohne alles drauf setze, machen wir oft Freiarbeit und schon da merkt man wie das Pferd drauf ist. Wenn ich ein unsicheres Gefühl habe, mache ich das nicht und bei so einer freien Zusammenarbeit muss man eben auch ehrlich zu sich selbst sein und sich eingestehen, dass so was an manchen Tagen nicht geht. Man muss seinen Stolz in den Hintergrund stellen und Dinge nicht einfach tun nur, weil man es will. Wer seinen Kopf einschaltet und dabei noch etwas auf sein Bauchgefühl hört, kann die meisten Unfälle vermeiden. Aber man muss das Hirn, was man bekommen hat, eben schon benutzen.
Der Trend geht leider dahin, dass Leute um jeden Preis solche Bilder machen wollen und die wenigsten haben eine entsprechende Grundlage dafür. Daher wird der Begriff „Wendy-/Ostwindreiter“ sehr gerne negativ verwendet für Menschen die so was ohne Sinn und Verstand machen. Aber nicht alle Leute die frei mit ihrem Pferd arbeiten gehören dazu!
Auch kann man so was nicht mit jedem Pferd machen. Wenn ich ohne alles reite (im freien), dann meistens nur eine kurze Strecke für Bilder, sonst habe ich immer ein Halfter drauf (muss man ja nicht benutzen), eben weil ich mir selbst nichts beweisen muss (und auch sonst niemandem).
In der Regel liegen die Wiesen/Felder direkt neben der Weide, denn ein Fluchttier läuft dahin wo es sich sicher fühlt – nach Hause, zu seiner Herde (oder eben auch bei mir). Ich gehe also kein großes Risiko ein, selbst wenn Blue los rennen würde, spätestens am Weidezaun könnte ich ihn wieder einsammeln. Außerdem gibt ihm das Sicherheit, wenn seine Herde in der Nähe ist. Das ist bei einem Boxenpferd sicherlich anders, aber Blue kennt sein Leben lang nur das Herdenleben und daran orientiert er sich. Mache ich so was nicht in der Nähe unserer Weide (zum Beispiel im Wasser), habe ich i.d.R. ein Herdenmitglied dabei, einfach zur Absicherung oder es sind Stellen, die ich entsprechend sichern kann.
Übrigens, nicht alle Bilder auf denen man kein Zaun sieht, sind auch tatsächlich im freien aufgenommen.
Jeder der uns schon mal live gesehen hat und mich kennengelernt hat weiß, dass ich mir Gedanken mache und mit dem was ich tue kein großes Risiko eingehe. Aber manchmal muss man sich einfach eingestehen, dass man so was nicht mit seinem Pferd machen kann. Bei manchen kratzt das am Ego und sie machen es trotzdem, so entstehen dann Unfälle.
Ich habe mit Blue Glück, ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann und er ist ein Typ Pferd mit dem man das machen kann. Wir machen so etwas auch nicht für andere, sondern für uns. Ich würde sogar behaupten, ich kann Blue nur mit einem Strick um den Hals besser kontrollieren als manch einer sein Pferd mit Trense. Aber natürlich hat das was mit der Ausbildung zu tun.
U.a. hatten wir es, dass eine kleine Pferdeherde ausgebrochen war und bei uns den Zaun zerstört hatte. Im Endeffekt war es so, dass alle Pferde draußen herum liefen und es ein wildes Gerangel zwischen den Pferden gab. Da ich gerade keinen Strick o.ä. zur Hand hatte habe ich also mit einem Ast die anderen Pferde auf Abstand gehalten und Blue an der Mähne dort weggeführt.
2010 waren wir das erste Mal ohne alles im freien, davor liegen 5 Jahre gemeinsame Arbeit und festigen gewisser Grundstrukturen. Eine entsprechende Ausbildung und Erziehung reduzieren das Risiko nochmals erheblich. Natürlich sollte vor allem die „Bremse“ verlässlich funktionieren und jederzeit abrufbar sein.
Ich persönlich arbeite nur ganz selten frei mit Blue ohne Umzäunung, aber wenn ich es mache, dann so, dass ich kein großes Risiko eingehe/andere nicht gefährde und alles passt. Im übrigen sind alle Bilder in diesem Blogbeitrag in einem umzäunten Bereich gemacht worden. Durch unsere großen Weiden, gibt es da nämlich viele Möglichkeiten und teilweise muss man nicht mal den Zaun wegretuschieren.

freies Reiten
Foto: Julia Endrejat

Auf unserer Seite zeige ich, was möglich ist. Ich sage damit nicht: bitte nachmachen. Zu dem Thema Vorbildfunktion hatte ich hier: Über Vorbilder und Vorbildfunktionen schon mal was geschrieben, weswegen ich da nicht noch mal drauf eingehen möchte. Denn die meisten Dinge die ich zeige sind ohne entsprechende Grundlagen oder Hintergrundwissen nicht zum nachmachen geeignet. Ich kann jetzt natürlich auch überall drunter schreiben „Bitte nicht nachmachen.“ Stattdessen möchte ich lieber sagen: „Denkt über das nach was ihr tut und lasst euch von niemandem unter Druck setzen. Sondern entscheidet für euch selbst und denkt auch über die Folgen nach, BEVOR ihr etwas macht!!“
Nicht alle Menschen die ihr Pferd „alternativ“ beschäftigen (Freiheitsdressur, Reiten mit Halsring/ohne alles etc.) sind total naiv und machen sich keine Gedanken. Und nicht alle sind „Wendy“ oder „Ostwindreiter“ (die meisten arbeiten im übrigen schon lange vor Ostwind mit ihrem Pferd so).
Dennoch ist jeder für sich selbst verantwortlich und in dieser Beziehung übernehmen wir auch die Verantwortung für ein Lebewesen sowie in diesem Fall ebenfalls für unbeteiligte Mitmenschen.

Links zum weiterlesen:


Ein Gedanke zu “freies Reiten – Wendy-/Ostwindreiter

  1. Danke für deinen Eintrag, der leider notwendig ist, aber es nicht sein sollte. Wie du sagst, „früher“ war es normal und niemand sagte was, wenn man ohne Sattel und Helm ritt, heute muss man sich für alles rechtfertigen und jeder weiß es besser. Ich fühle mich, auch wenn ein paar Jahre vergangen sind seit meiner aktiven Reitzeit, immer noch sicherer/natürlicher ohne Sattel als wie mit. Lass dich nicht entmutigen, es ist nur das Internet 🙂

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